Erst kein Glück und dann kam auch noch Pech dazu

Das jüngste Brandenburg-Derby zwischen den Drittligadamen des MTV 1860 Altlandsberg und des Frankfurter HC ließ eigentlich nichts zu wünschen übrig: es war spannend, hart umkämpft, dramatisch, emotional, manchmal auch wunderschön anzusehen. Am Ende war es aber aus Sicht der Gastgeberinnen vor allem eins: tragisch. Denn den Sieg, den die Altlandsbergerinnen so dringend nötig gehabt hätten, trugen die Frankfurterinnen davon. Mit 22:21 Toren. Mit einem Tor Vorprung. Selbst FHC-Vizepräsident Werner Seibt bekundete hinterher beeindruckt, dass ein Unentschieden das gerechtere Ergebnis gewesen wäre. Aber Gerechigkeit und Handball haben bekanner Maßen nichts miteinander zu tun.

Dass hier die Mannschaft, die zwei Pünktchen von der Tabellenspitze der 3. Liga trennten, gegen die Mannschaft antrat, die zwei Punkte benötigte, um sich auf einen Nichtabstiegsplatz zu hieven, war an diesem Abend in der Altlandsberger Erlengrundhalle zumindest auf der Platte von der ersten bis zur letzten Sekunde nicht zu sehen. Im Gegenteil. Den eindeutig besseren Start erwischten die Gastgeberinnen.

Bereits nach viereinhalb Minuten sah sich FHC-Trainerin Daniela Filip genötigt, zur Grünen Karte zu greifen. Da stand es zwar „erst“ 2:0 für den MTV, aber der erfahrenen Übungsleiterin war nicht entgangen, dass sie den Lauf der Altlandsberger Mädels stören musste, weil ihre Schützlinge keine Einstellung dazu fanden. Zunächst allerdings ohne durchschlagenden Erfolg. Nach 13. Minuten führten die Altlandsbergerinnen immer noch, nun mit 5:2. Dass es „nur“ 5:2 stand, ist zugleich Ausweis für die Nervosität aller Akteurinnen, die mitunter beinahe mit Händen greifbar zu sein schien.

Zusätzlich zur Verzweiflung trieb die Frankfurterinnen ihre ehemalige Mannschaftskameradin Yania Silva Alfonso, die nun das MTV-Tor hütete. Sie vereitelte mit viel Können Angriff um Angriff der Oderstdterinnen und allein in der ersten Hälfte drei Sieben-Meter-Würfe. Allerdings machte das Nervenflattern auch vor den Altlandsbergerinnen nicht Halt. Es zeigte sich zwar weniger in verunglückten Abschlüssen, dafür aber in unglücklichen Zu- und Abspielen. Das Ergebnis war in beiden Fällen das selbe: Ball und Torchance waren weg, die Gegnerinnen waren am Zug. Und weil das den MTV-lerinnen jetzt etwas zu häufig unterlief, stand es zur 18. Spielminute 6:6, waren die Uhren sozusagen wieder auf Null gestellt.

Erst – aus Frankfurter Sicht wird es an dieser Stelle wahrscheinlich endlich heißen – im letzten Drittel des ersten Durchgangs wechselte die Führung auf die Seite der Gästinnen, ohne dass diese sich bis zur Pause jedoch nennenswert absetzen konnten. Was ganz maßgeblich an der hervorragend ein- und aufgestellten Altlandsberger Abwehrreihe lag. Sie redeten miteinander, verschoben geschickt und griffen, wo immer es notwendig war auch beherzt aber nie unfair zu, auch wenn das mit Blick auf die 5:2-Zwei-Minuten-Strafen zu Ungunsten des MTV oberflächlich betrachtet anders auszusehen scheint.

Prominentes Opfer der leicht tendenziös verteilten Zeitstrafen auf Altlandsberger Seite war Goalgetterin Martyna Rupp, die nach 21 Minuten bereits die zweite Zwei-Minuten abzusitzen hatte, für Aktionen, die andere Schiedsrichter vielleicht mit einer Gelben Karte bedacht hätten. Weil aber andere Schiedsrichter an diesem Abend in anderen Hallen pfiffen, fiel „Ruppi“ fortan aufgrund der bei einer eventuellen dritten Strafe drohenden Disqualifikation für die Defense aus. Zum Leidwesen der zahlreichen MTV-Fans in der Erle hatte Martyna Rupp aber auch in Sachen Attacke einen rabenschwarzen Tag erwischt. Immer wieder erkämpft sie sich den Ball, immer wieder endet ihr Wurf in den Händen von FHC-Torhüterin Mandy Schneider oder wird von ihr abgewehrt. Nur ein Tor in den ersten 30 Minuten und zwei Treffer in den zweiten, sind sowohl angesichts des knappen Endergebnisses, wie auch angesichts des eigenen Anspruchs Martyna Rupps zu wenig. Es gab hinterher wohl niemanden in der Halle, die trauriger darüber gewesen wäre, als die Altlandsbergerin mit der Rückennummer 23 selbst.

„Auch bei Martyna kann mal was daneben gehen“; rückt MTV-Coach Sebastian Grenz die Sache nach Ende der Partie wieder in die richtige Perspektive. „Wirklich wichtig war, dass der FHC deshalb ja auch nicht nennenswert davon ziehen konnte. Zu den vielen Aspekten, die meine Mannschaft an diesem Abend trotz der wirklich ärgerlichen Niederlage auszeichnete gehört, dass jede einzelne Spielerin jederzeit für die andere eintrat. Und man darf nicht vergessen, dass insbesondere die zwei Tore Martynas in der Schlussphase der Begegnung in Situationen fielen, in denen die Frankfurterinnen mit drei Toren vorne lagen. Martynas mit viel Willen erzielten Tore verhinderten also beide Male gerade rechtzeitig einen höheren Vorsprung unserer Gegnerinnen und hielten uns auf Schlagdistanz.“

Schlagdistanz dürfte aus Sicht des MTV wohl das Stichwort für die zweite Halbzeit dieses so intensiv geführten Derbys sein. Mehrfach erzielten die Grün-Weißen den Anschlusstreffer, darunter allein in den letzten 90 Sekunden zwei Mal dank Ann-Catrin Höbbels ebenso souverän wie kaltblütig verwandelter Sieben-Meter (die keinen ihrer insgesamt fünf Strafwürfe vergab), sie glichen auch öfter aus. Nur vorbei ziehen am FHC, das konnten die MTV-Damen über die gesamte zweite Halbzeit nicht mehr.

„So ist das eben, wenn man hinten drin und einem das Wasser bis zum Hals steht“, seufzte der sichtlich mitgenommene Team-Chef der Altlandsberger Mädels, Wolfram Eschenbach. „Dann ergehen Fifty-Fifty-Entscheidungen eher schon mal gegen einen, landet der Ball, der sonst knapp drin gewesen wäre, knapp neben dem Tor, scheitert der eigentlich gut durchdachte Spielzug an einem kleinen technischen Fehler. Genau so wie es das Sprichwort sagt: Erst hat man kein Glück, dann kommt auch noch Pech dazu.“

Eine Analyse, die der leidgeprüfte Handball-Verantwortliche an diesem Abend über beide Lager in der Erlengrundhalle hinweg alles andere als exklusiv gehabt haben dürfte. Die Altlandsberger Mädels hatten engagiert und tapfer gekämpft, hatten den deutlich favorisierten Frankfurterinnen das Leben alles andere als einfach gemacht und wäre das Spiel unentschieden ausgegangen oder gar aus deren Sicht verloren gegangen, hätte sich der FHC-Tross auch nicht wirklich beklagen können. Nicht wenige der MTV-Anhänger hatten hinterher nur eine Frage auf den Lippen: Weshalb nicht gleich so?

Zur Tragik der Grün-Weißen angesichts ihrer augenblicklichen Situation gehört aber, dass sie sich von einem „nur“ guten Auftritt nichts kaufen können. Derzeit zählen nur Punkte. Und um die werden sie bis zum letzten Spieltag ebenso konsequent kämpfen, wie sie es am vergangenen Samstag Abend gegen den FHC getan haben. Die Entscheidung über den Klassenerhalt fällt diese Saison tatsächlich erst am allerletzten Spieltag, in der allerletzten Spielminute.

MTV:

Yania Silva Alfonso (Tor), Manon Vernay (Tor), Tülay Bayram, Manja Berger, Josephine Dähne 1, Ann-Catrin Höbbel 11/5, Christine Miniers 2, Bernadet Mudri, Martyna Rupp 3, Vanka Smiljanic, Marlene Steffen, Tina Stehlik, Lucyna Trzczak 4, Melanie Wüstner,

Foto: Edgar Nemschok

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